Safe Standing oder Vollbestuhlung: wie der englische Fußball zurück zum Stehplatz fand
Dreißig Jahre lang nach der Katastrophe von Hillsborough 1989 war der englische Spitzenfußball ein reines Sitzplatzspektakel. Die Empfehlung des Taylor-Berichts, alle erstklassigen Stadien zu Vollbestuhlung umzubauen — bis 1994 gesetzlich umgesetzt —, galt als entscheidend für die Beseitigung der Bedingungen, die Hillsborough hervorgebracht hatten, und veränderte die Spieltagsatmosphäre des englischen Fußballs in etwas Stilleres, Mittelschicht-Geprägteres, das sich unverwechselbar von den kontinentaleuropäischen Klubs unterschied, die ihre Stehplatztribünen behalten hatten. 2022 kehrte das Safe Standing nach einem Jahrzehnt Kampagne und Testläufen zurück. Verwandte Artikel zur Stadionkultur über die Karte.
Die Katastrophe von Hillsborough und der Taylor-Bericht
Die Katastrophe von Hillsborough am 15. April 1989 während des FA-Cup-Halbfinales zwischen Liverpool und Nottingham Forest im Stadion von Sheffield Wednesday tötete 97 Liverpooler Anhänger, die am Außenzaun der Leppings-Lane-Tribüne erdrückt wurden. Der von der britischen Regierung in Auftrag gegebene Taylor-Bericht, im Januar 1990 veröffentlicht, sprach 76 Empfehlungen aus, von denen die für den englischen Fußball folgenreichste die Umrüstung aller erstklassigen Stadien auf Vollbestuhlung bis 1994 war. Die nachfolgenden Gesetze — der Football Spectators Act 1989 und der Football (Offences) Act 1991 — beseitigten Stehplatztribünen für drei Jahrzehnte aus dem englischen Spitzenfußball.
Die Sitzplatz-Ära (1994-2022)
Die Umgestaltung englischer Stadien zwischen 1990 und 1994 war das größte einzelne Investitionsprogramm der englischen Fußballgeschichte. Der Kop in Liverpool, die Stretford End in Manchester, die Holte End in Aston und jede andere große Tribüne wurden zu Sitzplatztribünen umgebaut. Die 1992 gegründete neue Premier League wurde um das Vollbestuhlungsmodell herum aufgebaut, das die höheren Ticketpreise, Hospitality-Einnahmen und die globale Übertragungskraft stützte, die die Premier League zur einnahmenstärksten Fußballliga der Welt machten.
Die kulturellen Kosten
Kritiker der Vollbestuhlungspflicht — anfangs eine kleine Minderheit — argumentierten in den 2000ern und 2010ern, die Politik habe das Stehen nicht aus Sicherheits-, sondern aus kommerziellen Gründen abgeschafft (die Bundesliga behielt Stehplätze bei exzellenter Sicherheitsbilanz bei), und der englische Fußball habe die Atmosphäre verloren, die die stehenden Kop, Stretford End und andere Tribünen erzeugt hatten. Die leeren Sitze in großen Bereichen des Emirates, in den Oberrängen von Old Trafford und an vielen anderen Premier-League-Stadien galten als Beleg, dass das Sitzplatzmodell atmosphärisch versagt hatte.
Das deutsche Beispiel
Die Bundesliga behielt Stehplätze in den 1990ern, 2000ern und 2010ern. Die Gelbe Wand in Dortmund (24.454 Stehplätze), die Stehplatztribünen in Bayerns Allianz Arena (Südtribüne bei Bundesligaspielen) und vergleichbare Konfigurationen in Schalke, Hamburg und anderen Bundesligastadien arbeiteten ohne ein Vorfall vom Hillsborough-Typ. Die Bundesliga-Kombination aus niedrigen Ticketpreisen, atmosphärischen Stehplätzen und durchgehend hoher Auslastung wurde von englischen Aktivisten als Gegenbeispiel zum Sitzplatz-Dogma zitiert.
Das Safe-Standing-System mit Einzelschiene
Die technische Lösung, die die Rückkehr des Stehens ermöglichte, war das Safe-Standing-System mit Einzelschiene, bei dem Sitze auf einer Tragschiene in jeder Reihe montiert sind und die Sitze selbst aus dem Weg geklappt werden können, um Stehplätze zu schaffen. Die Schiene bietet eine Handauflage, verhindert die Vorwärtsdrucksituation, die zur Hillsborough-Pressung beigetragen hatte, und erfüllt die UEFA-Anforderung, dass europäische Spiele in Vollbestuhlung gespielt werden (die Sitze klappen einfach herunter). Das System wurde 2016 im Celtic Park in einer Versuchssektion mit 2.975 Plätzen eingeführt, ohne dokumentierte Sicherheitsvorfälle.
Die Premier-League-Testläufe und die Zulassung 2022
Nach erfolgreichen Versuchen im Tottenham Hotspur Stadium, in Chelseas Stamford Bridge, Manchester Citys Etihad Stadium und anderen Stadien genehmigte die britische Regierung Safe Standing in der Premier League und Championship ab der Saison 2022/23 offiziell. Die Lizenzierung verlangt Einzelschienenkonfigurationen, die festgelegte Sicherheitsstandards erfüllen, wobei die Kapazität in Stehbereichen auf einen Stehenden pro Sitz-Äquivalent begrenzt ist. Die Gesetzgebung schützt ausdrücklich das Recht der Vereine, ihre Vollbestuhlung beizubehalten, wenn sie es vorziehen.
Die Bundesliga-Atmosphäre kehrt zurück
Die ersten Safe-Standing-Spiele der Premier League im Tottenham Hotspur Stadium und in anderen Frühanwendern wurden weithin als atmosphärisch deutlich verschieden von der Vollbestuhlung beschrieben — die Stehbereiche sangen lauter, trugen längere Gesänge und erzeugten die visuelle Wirkung (gehobene Schals, Fahnenbewegung), die die Bundesliga-Kurve bewahrt hatte. Die Verwandlung war nicht universell — viele Anhänger ziehen weiter Sitze vor —, aber der atmosphärische Auftrieb in den Safe-Standing-Bereichen war klar genug, um weitere Ausdehnung zu befördern.
Die Zukunft
Die aktuelle Richtung im englischen Fußball geht zu optionalen Safe-Standing-Bereichen in den meisten Premier-League-Stadien, mit Kapazitäten zwischen 5.000 und 17.000 in eigens gestalteten Stehkonfigurationen bei den großen Vereinen. Für die Saison 2026 wird erwartet, dass Safe Standing an praktisch jedem Erstligastadion in Betrieb ist und damit etwas Vergleichbares zur Konfiguration vor Hillsborough wiederherstellt — aber mit den ingenieurmäßigen und betrieblichen Sicherheitslehren der 1990er vollständig integriert. Die englische Stehplatztribüne ist zurück, und Hillsborough hat geprägt, wie sie zurückkommt.